Die Ethik der Solution und der Geist des digitalen Kapitalismus

Abstract

Der Beitrag argumentiert, dass sich im Zuge der Herausbildung eines »digitalen Kapitalismus« auch die Herausbildung eines neuen, digitalkapitalistischen Geistes beobachten lässt. In einem ersten Schritt wird in ideengeschichtlicher Auseinandersetzung mit Sombart, Weber sowie Boltanski und Chiapello ein Begriff des kapitalistischen Geistes gewonnen, der sich als das soziohistorisch variierende Gesamt der normativen Wissensbestände definieren lässt, die das Handeln kapitalistischer Akteure motivieren und legitimieren. Diese Konzeptualisierung wird anschließend unter Rückgriff auf die Soziologie der Rechtfertigung mit theoretischem Leben gefüllt und zur Analyseheuristik einer strukturierenden Inhaltsanalyse nach Mayring herangezogen. Das Sample der Analyse besteht aus insgesamt 34 Dokumenten (628 Codings) von und über digitale Eliten, in denen zum Ausdruck kommt, wie diese ihr unternehmerisches Handeln motivieren und legitimieren. Unsere Befunde erlauben zunächst einem illustrativen Überblick über die Verschiebungen zwischen dem von Boltanski und Chiapello identifizierten »neuen« und dem hier untersuchten digitalkapitalistischen Geist. Im Zentrum dieses digitalkapitalistischen Geistes und damit auch unseres Beitrags steht jedoch eine neue und eigenständige Rechtfertigungsordnung, die wir im Anschluss an Morozov als Polis der Solution bezeichnen. Diese wird einerseits hinsichtlich ihrer Genese aus der jüngeren (Sozial-)Kritik am Kapitalismus normativ rekonstruiert. Andererseits wird sie hinsichtlich ihrer Struktur als Rechtfertigungsordnung analysiert, in der sich Wertigkeit über das technologisch-unternehmerische (und nicht etwa politische) Lösen von Menschheitsproblemen definiert und die im »Weltverbessererunternehmer« ihren idealen Vertreter findet.

Timo Seidl
Timo Seidl
PhD Student

I am a PhD Student at the Department of Political and Social Science at the European University Institute matter.